Diskurs über Bankenkapitalisierung / Kritik an bankinternen Risikomodellen

25. November 2009 | Von | Kategorie: Top News

artikelAktuell rückt die Kapitalisierung der Banken durch eine neue Messmethodik in den Fokus der Öffentlichkeit.
Das Handelsblatt und die Financial Times Deutschland berichteten gestern über eine S&P-Analyse, wonach ein Großteil der internationalen Banken als unterkapitalisiert eingestuft wird. Die Ratingagentur legt ihrer Analyse den im Frühjahr 2009 vorgestellten Parameter „Risk Adjusted Capital“ (RAC) zugrunde. Der Vergleich zeige, dass Banken wie die Citigroup, die UBS und die japanische Mizuho gemessen am weltweiten RAC-Durchschnitt von 6,7 Prozent extrem unterkapitalisiert seien. Für die Schweizer Großbank wurde ein Wert von 2,2 Prozent ermittelt, für die Citigroup 2,1 und für Mizuho der unterste Wert mit 2,0 Prozent. Bei den deutschen Banken markiert die BayernLB mit 7,6 Prozent den Spitzenwert, während die Deutsche Bank (6,2 Prozent) unterdurchschnittlich kapitalisiert sei.

„Schlechtes Urteil für Banken“, so die Überschrift des Handelsblatts zur S&P-Analyse der Eigenkapitalsituation im Bankensektor. Insbesondere Großbanken seien hier schwach aufgestellt. „Es hat sich gezeigt, dass das Eigenkapital global ein Schwachpunkt für die Ratings ist“, zitiert die FTD Aussagen der Agentur. Von Seiten der Banken gibt es jedoch klare Kritik an der S&P-Untersuchung. Wie die heutige Financial Times berichtet, moniert beispielsweise die UBS die mangelnde Aktualität der Messdaten und spricht dem Wert eine Repräsentativität für die eigene Kapitalsituation ab. Die FT gibt S&P-Insider wieder, wonach die Agentur nun „in den nächsten Tagen“ eine aktualisierte Erklärung zu der Untersuchung vorlegen will. S&P selbst hält das RAC für global konsistent und risikosensitiver als das Verhältnis von Bilanzsumme zu Kernkapital (Leverage Ratio) und weitgehend unabhängig von bankeigenen Messmethoden. Aufgrund verschiedener Berechnungen könnten sowohl Kernkapitalquoten als auch die Leverage Ratio, fehlinterpretiert werden.

„Wie Banken Risiken kleinrechnen“, versucht derweil die „Neue Zürcher Zeitung“ zu verdeutlichen. Das Blatt verweist dabei auf die Untersuchungen von Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarkttheorie an der Uni Basel, der mit Blick auf die ausgewiesenen Basel II-Kernkapitalquoten internationaler Großbanken zu dem Schluss gekommen sei, „dass etwas mit den Modellrechnungen nach Basel II zur Ermittlung der risikogewichteten Aktiven nicht stimmen kann“. Die NZZ fasst zusammen: „Es sei trügerisch, aus hohen Tier-1-Quoten – Eigenkapital in der engen Definition im Verhältnis zu den risikogewichteten Aktiven – die solide Finanzierung einer Bank herauslesen zu wollen. Es könne stimmen, müsse aber nicht.“ So hätten Banken, die in Relation zur Bilanzsumme hohe Ausstände an risikogewichteten Aktiven in der Definition von Basel II auf ihren Büchern hatten, in der Finanzkrise 2007/08 vergleichsweise gut abgeschnitten – z.B. Banco Santander und JP Morgan. Andere Banken wie die UBS – „mit einer auf den ersten Blick vorzüglichen Ratio von mehr als 6“ – hätten dagegen eine schlechte Performance geliefert.

Besonders kritisch bewertet der Schweizer Finanzprofessor bankinterne VaR-Modelle zur Risikoberechnung. Wie die NZZ weiter berichtet, ist es für Zimmermann ein unhaltbarer Zustand, dass Aufsichten diese Modelle akzeptieren, ohne Mindeststandards zu setzen. „Das moralische Risiko sei offensichtlich, denn niedrige VaR-Werte seien im Interesse von Managern, um noch größere Positionen mit Aussicht auf noch höhere Boni einzugehen“, fasst das Blatt die Kritik zusammen. Aufgrund des quartalsweisen Reportings der Banken bestehe der Anreiz, „VaR-Werte zu glätten“. In seiner Einschätzung habe Zimmermann auch Unterstützung vom CRO der Munich Re, Joachim Oechslin, erhalten. Die Banken trugen aus dessen Sicht Mitverantwortung an der Krise – „mit dem Kleinrechnen ihrer effektiven Risiken durch das Kalibrieren der Risikomodelle auf der Basis einer zu kurzen Daten-Historie oder auch durch den leichtfertigen Umgang mit dem Refinanzierungsrisiko.“

 


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2 Kommentare
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  1. [...] die ausgewiesenen Werte für verschiedene Banken zeitnah auf aktuellen Stand bringen will (vgl. RMRG vom 25.11.). S&P habe die RAC-Quote entwickelt, weil sie die Kapitalstärke der Institute besser abbilde [...]

  2. [...] um noch größere Positionen mit Aussicht auf noch höhere Boni einzugehen, so seine Analyse (vgl. RMRG vom 25.11.09). Das ernüchternde Fazit gegenüber der SZ: „Je besser man also versucht, die Risiken in den [...]