Erneut heftige Kritik an bankinternen Risikomodellen

19. Mai 2010 | Von | Kategorie: Top News

boezIn einem kritische gefassten Leitartikel unter dem Titel „Am Nacktbadestrand“ blickt die Börsen-Zeitung auf das Versagen des Risikomanagements im Rahmen der Finanzmarktkrise.
Als Ursache werden Fehlannahmen bei den zugrundeliegenden mathematischen Modellen ausgemacht. „Unter Laborbedingungen überzeugen die Formeln, die Stresstests und die Monte-Carlo-Simulationen, die Risiken besser beherrschbar machen sollen“, heißt es. Value at Risk (VaR) heiße das in den achtziger Jahren langwierig entwickelte Konzept. „An 99 von 100 Handelstagen sollte man damit in dieser Hinsicht gut fahren.“ Es gebe jedoch keine Auskunft darüber, wie hoch die Verluste an dem einen verbleibenden Tag sein könnten. Auch der jüngst von der Süddeutschen Zeitung als „Altmeister der Finanzmärkte“ bezeichnete Schweizer Finanzprofessor Heinz Zimmermann hatte bereits mehrfach heftige Kritik an den bankinternen VaR-Modellen geäußert. Das moralische Risiko sei offensichtlich, denn niedrige VaR-Werte seien im Interesse von Managern, um noch größere Positionen mit Aussicht auf noch höhere Boni einzugehen, so seine Analyse (vgl. RMRG vom 25.11.09). Das ernüchternde Fazit gegenüber der SZ: „Je besser man also versucht, die Risiken in den Griff zu bekommen, umso mehr schlagen sie auf einer anderen Ebene zurück.“ Der Professor an der Uni Basel wird daraufhin gefragt, ob das eine „Bankrott-Erklärung“ für das Risikomanagement zu verstehen sei. Seine klare Antwort: „Sicher nicht – es sollte einem einfach die engen Grenzen beim Management von Risiken aufzeigen. Wenn man die Risiken an der einen Stelle in den Griff bekommt, entstehen neue an einem anderen Ort. Darum müssen Risiken noch vielschichtiger und interdisziplinärer angegangen werden.“

Das eigentliche Problem für den Leitartikel der Börsen-Zeitung: „Die Grundannahmen stimmen nicht. Der Zusammenbruch von Lehman Brothers hat eindrucksvoll demonstriert, dass es keine Märkte gibt, an denen kontinuierlich liquider Handel stattfindet – eine Grundvoraussetzung aller mathematischen Risikoberechnungen.“ Die „Tricksereien“ bei CDOs zeigten exemplarisch, dass Käufer und Verkäufer bei Kapitalmarktgeschäften in der Regel nicht über die gleichen Informationen verfügen. Trotz dieser Probleme sei Risikomanagement ein großes Geschäft, „spätestens seitdem die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich VaR in die Standards für Basel II aufgenommen hat“, so das Blatt weiter. „Ganze Armeen von Anwälten, Beratern und Softwareverkäufern leben gut von deren Implementierung.“ Trotz der Installation eines Chief Risk Officers in vielen Instituten solle man sich jedoch nicht zu dem Trugschluss verleiten lassen, „die Vermeidung von Risiken werde hoch gehängt“. Es gehe vielmehr um Haftungsausschluss. Kritisch heißt es weiter: „Zuletzt war vor allem der Glaube an die eigenen Modelle dafür verantwortlich, dass immer aberwitzigere Risiken eingegangen wurden.“

 


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  1. [...] Die Experten Michael McAleer (Erasmus Universität Rotterdam), Juan-Angel Jiménez-Martin und Teodosio Perez Amaral (beide von der Complutense Universität Madrid) stellen in einer jüngst aktualisierten Studie einen neuen, “robusten” Ansatz für das Risikomanagement von Banken vor. Dabei lassen die Autoren die Erfahrungen aus der Finanzkrise (hier als “GFC – Great Financial Crisis” beschrieben) mit einfließen. Es wird ein Value-at-Risk (VaR)-Ansatz gewählt der mit Vorhersagen verschiedener VaR-Modelle operiert. So heißt es: “The robust forecast is based on the median of the point VaR forecasts of a set of conditional volatility models. This risk management strategy is GFC-robust in the sense that maintaining the same risk management strategies before, during and after a financial crisis would lead to comparatively low daily capital charges and violation penalties.” Die Experten belegen die Effektivität ihres Modell anhand der Entwicklung des S&P500-Index, der die Aktien von 500 der größten, börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen umfasst. Das klassische, in den 1980ziger Jahren entwickelte VaR-Konzept war im Zuge der Finanzkrise ins Kreuzfeuer der Kritik geraten (vgl. u.a. RMRG vom 19.5.). [...]