Basel III zum „Sankt-Nimmerleins-Tag“?

17. August 2010 | Von | Kategorie: Top News

papers3Die strittige finale Regelfestlegung beim Basel III-Akkord steht weiter im Fokus der Wirtschaftspresse.
„Deutschland gegen alle“, so die Überschrift des Tagesspiegels zur derzeitigen Verhandlungssituation im federführenden Baseler Ausschuss. Die Zeitung beruft dabei auch auf die jüngsten Informationen der Nachrichtenagentur Reuters, wonach eine Mehrheit der Länder im Gremium eine harte Kernkapitalquote von sechs bis acht Prozent befürworte (vgl. RMRG vom 13.8.). „Für die deutschen Banken würde das bedeuten, dass sie Milliarden frisches Kapital aufnehmen müssen – oder aber ihre Kreditvergabe einschränken“, heißt es. Bislang müsse das Kernkapital vier Prozent der gesammelten Risikoposten betragen. Zum Kernkapital hinzu komme das Ergänzungskapital. „Es haftet nur, wenn die Bank liquidiert wird. Gemeinsam bilden sie das Eigenkapital.“ Diese Quote müsse acht Prozent betragen. „Vereinfacht gesagt heißt das: Mit einem Euro Eigenkapital kann eine Bank 12,5 Euro verleihen.“ Die Zeitung macht folgende Rechnung auf: „Wenn das Kernkapital nun auf acht Prozent verdoppelt würde, wären es nur noch 6,25 Euro.“

„Das tut weh“, wird zu ebendieser Rechnung Karl-Heinz Boos, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Öffentlicher Banken (VÖB), im Beitrag zitiert. „Die meisten Institute wären gezwungen, ihre Bilanzsumme zu reduzieren, denn am Kapitalmarkt können sie diese Milliardensummen gerade nicht aufnehmen. Damit würde man die Banken zwingen, die Kreditvergabe zurückzufahren und wieder riskantere Geschäfte am Kapitalmarkt einzugehen“, so Boos.

Gegenüber dem Informationsportal „EurActiv“ äußert sich der Bankenexperte Wolfgang Gerke hingegen kritisch zur jüngsten Aufweichung der Basel III-Agenda. „Eine Verwässerung ist zum Beispiel die Verschiebung der Verschuldungsgrenze (Leverage Ratio) bis 2018. Diesen Termin halte ich für zu spät“, so Gerke. Er beschreibt die Leverage Ratio jedoch einschränkend als diskussionswürdiges regulatorisches Instrument. „Es gibt heutzutage sehr viel bessere Kriterien, um Banken krisenfester zu machen. Gerade US-Investmentbanken können trotz dieser Regel hohe Risiken eingehen, ohne genug Eigenkapital für Krisenzeiten vorzuhalten.“ Nach der jetzt vorgesehenen Regel könnten die Banken das 33-fache des Eigenkapitals an Krediten vergeben. „In diesem Punkt ist Basel III zu lasch formuliert“, moniert Gerke, der Präsident des Bayerischen Finanz Zentrums ist.

Auch Eric Le Coz, Leiter des Produktentwicklungsteams der französischen Investmentboutique Carmignac, lässt Kritik an der großzügigen Übergangsphase bei der anvisierten Basel III-Implementierung durchblicken: „Den Banken geht es im Übrigen so gut, dass die Einführung des künftigen Regulierungsrahmens Basel III auf 2018 – das heißt auf den Sankt-Nimmerleins-Tag – verschoben wurde“, wird Le Coz vom Portal „Das Investment“ zitiert. Nach Ansicht des Chefs des Immobilienfinanzierers Aareal Bank, Wolf Schumacher, gehen die nun vorgefassten Basel III-Regeln hingegen „in die richtige Richtung“ – auch wenn die endgültigen Auswirkungen des Eigenkapitalakkords jetzt noch nicht vollständig abzusehen seien. „Darunter verstehe ich ein ausgewogenes Verhältnis zwischen effizienter Regulierung und dem erforderlichen geschäftlichen Freiraum für Banken“, so Schumacher im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

 


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3 Kommentare
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  1. [...] RMRG: Basel III zum „Sankt-Nimmerleins-Tag“? [...]

  2. [...] „Die Analyse zeigt, dass die volkswirtschaftlichen Kosten der Einführung der neuen Standards beherrschbar sind“, so das Fazit von FSB-Chef und EZB-Ratsmitglied Mario Draghi zur Studie der „Macroeconomic Assessment Group“ von Baseler Ausschuss und FSB. Der langfristige Nutzen für die Bankenbranche und die Wirtschaft durch höhere Eigenkapitalanforderungen sei weit höher. Auch der Chef des Baseler Gremiums, Nout Wellink, sprach von substanziellen wirtschaftlichen Vorteilen der vorgeschlagenen Reformen, die es neben der Analyse ihrer Kosten zu bedenken gilt. „Diese Vorteile rühren nicht nur von einem langfristig stärkeren Bankensektor her, sondern auch von dem größeren Vertrauen in die Stabilität des Finanzsystems und zwar mit Beginn der Implementierung der Reformen.” Zur weiterhin in vielen Details vakanten Feinkalibrierung von Basel III äußerten sich Wellink und Draghi nicht – ebensowenig sind in der Studie entsprechende Anhaltspunkte zu finden (vgl. RMRG vom 17.8.). [...]

  3. [...] mit der Implementierung als unverbindliche Kennzahl von einer „Verwässerung“ (vgl. RMRG vom 17.8.). Einer verbindlichen Einführung der Quote wurde zudem eine weitere Auswirkungseinschätzung durch [...]