Basel III: BaFin-Chef und Banken wollen Leverage Ratio kippen

12. November 2010 | Von | Kategorie: Top News

leverageratioDie im heute von den Staats- und Regierungschefs der G20-Staaten verabschiedeten Eigenkapitalregelwerk Basel III verankerte feste Verschuldungsquote stößt bei den deutschen Banken weiter auf Widerstand.
Obwohl die Leverage Ratio im Baseler Ausschuss gegenüber den ursprünglichen Plänen entschärft wurde und bis 2018 nur als unverbindliche Beobachtungsgröße wirkt, springt BaFin-Chef Jochen Sanio den Banken in ihrer Argumentation erneut bei. Im Interview mit der bankennahen Börsen-Zeitung wird Sanio gefragt, ob diese feste Verschuldungsquote nicht eher ein Rückschritt in die Zeit vor Basel I sei. Der Aufseher antwortet: „Die Leverage Ratio ist in der Tat ein archaisches Mittel, konzipiert als eine Art Notbremse für den Fall, dass der risikosensitive Ansatz von Basel II eine unverantwortlich hohe Verschuldung von Instituten nicht verhindern kann. Nun ist übergroße Vorsicht, wie sie in der Leverage Ratio zum Tragen kommt, aus Sicht eines Aufsehers nicht gerade ein Makel.“ Er warnt dass die Quote zu „gefährlichen Fehlanreizen“ führen könne. Grund: „Da sie eine einheitliche Grenze für risikoreiche wie risikoarme Geschäfte zieht, werden die Banken letztlich dazu angehalten, die risikoärmeren und damit margenschwächeren Geschäfte durch risikoreichere Aktivitäten zu ersetzen.“ Unter Umständen könne dies eine gefährliche Risikosteigerung im Finanzsystem nach sich ziehen.

Die ursprünglichen Pläne sahen vor, dass die Banken künftig nur das 25fache ihres Eigenkapitals an Krediten vergeben dürfen. Auf Druck der deutschen Vertreter im Baseler Gremium liegt die Grenze nun beim 33fachen. Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrats der Bundesregierung, hatte diese lasche Ausformulierung kritisiert: „Die Verschuldungsgrenze von drei Prozent ist zu großzügig und kommt viel zu spät.“ (vgl. RMRG vom 21.9.) Auch Bankenexperte Wolfgang Gerke sprach im Zusammenhang mit der Implementierung als unverbindliche Kennzahl von einer „Verwässerung“ (vgl. RMRG vom 17.8.). Einer verbindlichen Einführung der Quote wurde zudem eine weitere Auswirkungseinschätzung durch die Regulatoren vorgeschaltet – ein Ansatzpunkt für die hiesige Aufsicht, diese Kennziffer noch zu kippen.

An der Spitze der Kritiker-Phalanx an einer Leverage Ratio steht der Verband deutscher Pfandbriefbanken (vdp): Jens Tolckmitt, Hauptgeschäftsführer des Verbandes, betonte Ende Oktober in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dass die feste Verschuldungsquote „einen Bruch mit der erst durch Basel II eingeführten Systematik der differenzierten Betrachtung von Kreditrisiken“ darstelle. Tolckmitt mahnte: „Künftig würde durch die Bindung der Leverage Ratio an das Bilanzvolumen de facto alles über einen Kamm geschert – auch das höchst risikoarme und daher margenschwache Staatsfinanzierungs- sowie das Immobilienfinanzierungsgeschäft, das viele Pfandbriefbanken betreiben.“ Banken könnten infolgedessen angehalten sein, diese risikoarmen Assets zu reduzieren und auf risikoreichere Anlageformen zu setzen, so sein Argument – konform zu Sanios aktuellen Einwänden.

 


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3 Kommentare
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  1. [...] Ratio in Basel III als möglichen Treiber neuerlicher Risiken im Finanzsektor kritisiert (vgl. RMRG v. 12.11.). Tags: Axel Weber, BaFin, Basel III, Baseler Ausschuss, Bundesbank, Euro Finance Week, Jochen [...]

  2. [...] Wichtige Teilkomponenten des neuen Regelwerks Basel III könnten nach Ansicht der Bankenbranche zu neuen Risikoexpositionen führen und langfristig ausgerichtete Finanzierungen erschweren. In einer Sonderbeilage zum Thema Covered Bonds fasst die Financial Times Deutschland die Kritik der hiesigen Pfandbriefbanken an der Ausrichtung des Basel III-Regelwerks zusammen („Kritik am neuen Banken-ABC“). In erster Linie stören sich die Institute an der in Basel III verankerten Verschuldungsgrenze (Leverage Ratio), die ab 2018 als verbindliche Kennziffer greifen soll. Das Blatt erklärt: „Um ihr derzeitiges Kreditvergabeniveau zu halten, müssten viele Banken ihr Kernkapital erhöhen. Das ist derzeit allerdings schwierig. So könnte die Leverage Ratio entweder dazu führen, dass Banken ihre Kreditvergabe einschränken. Oder jedoch dazu, dass sie Geld eher an risikoreiche Schuldner verleihen.“ Nur durch letztgenannte Vorgehensweise könnten die Banken höhere Margen erzielen, ohne mehr Kernkapital vorhalten zu müssen. Auch das traditionell volumenstarke Staatsfinanzierungsgeschäft sei durch die Quote gefährdet. „Mit einer Leverage Ratio von drei Prozent kann Staatsfinanzierung in ihrer jetzigen Form nicht betrieben werden“, wird Ralf Burmeister, Leiter des Covered Bond-Research der LBBW, zitiert. Der Pfandbriefbankenverband vdp hatte in letzter Zeit mehrfach verdeutlicht, dass er darauf dringen wolle, die Leverage Ratio nur als unverbindliche Beobachtungskennziffer in Basel III zu verankern (vgl. u.a. RMRG vom 12.11.). [...]

  3. [...] deutschen Vertreter im regelsetzenden Baseler Ausschuss wurde diese Grenze noch abgeschwächt (vgl. RMRG vom 12.11.2010). Auch ist die Größe bislang nur als Informationsgröße in Basel III verankert, d.h. dass die [...]