Blaupause für Basel IV setzt auf strikte Verschuldungsgrenze für Banken

3. September 2012 | Von | Kategorie: Top News

basel4Im Rahmen des Notenbanker-Treffens von Jackson Hole haben zwei führende Köpfe der Bank of England (BoE) einen Ausblick auf die künftige Regulierung von Banken gegeben und damit ihre Blaupause für ein Regelwerk Basel IV präsentiert.
Andrew Haldane, der bei der Bank of England für Finanzstabilität verantwortliche Exekutivdirektor, und der BoE-Ökonom Vasileios Madouros unterziehen dabei das seit 1988 weiterentwickelte Eigenkapital- und Liquiditätsregelwerk für Banken (Basel I bis III) einer kritischen Überprüfung. So seien die Regeln nachlaufend zu den immer komplexer werdenden Finanzmärkten immer komplexer ausformuliert worden – eine Entwicklung in die falsche Richtung, monieren die Autoren. Besonders kritisch wird dabei die unter Basel II möglich gewordene, bankinterne Risikomodellierung hingewiesen (sogenannter IRB-Ansatz). Damit sei die Grenze zwischen der Risikobeurteilung durch die Aufsichtsbehörde und derjenigen durch die Banken verwischt worden. Der risikobasierte Ansatz setze darauf, dass die Schätzungen der Banken die tatsächlichen Risiken richtig abbilden. Doch gerade die Finanzkrise habe die Schwächen der Banken in diesem Bereich offenbart. So seien Banken mit hohen regulatorischen Eigenkapitalquoten (Tier1-Ratio) nicht besser durch die Krise gekommen, als solche mit einer niedrigen Quote. Zum Beleg führen die Experten eine eigene Untersuchung von 100 Großbanken mit einer Bilanzsumme von jeweils über 100 Mrd. US-Dollar an. „Von diesen wurden 37 aufgelöst oder vom Staat aufgefangen. Doch Ende 2006 und damit unmittelbar vor Ausbruch der Krise unterschied sich die Tier1-Ratio der untergegangenen Banken statistisch nicht von derjenigen der Institute, die ungeschoren davongekommen sind. Eine hohe Tier-1-Ratio versprach somit nicht größere Stabilität – ein entmutigender Befund für Anhänger komplexer Risikomodelle“, fasst die „Neue Zürcher Zeitung“ die Erkenntnisse der Autoren zusammen.

Im aktuell umzusetzenden dritten Baseler Eigenkapitalakkord erkennen Haldane und Madouros immerhin einen zukunftsweisenden Ansatz zur Risikoeingrenzung – die vorgeschriebene Verschuldungsgrenze für Finanzinstitute (so genannte „Leverage Ratio“). Diese soll als Alternativmaß für risikogewichtete Messgrößen fungieren und stellt die weitgehend ungewichtete Bilanzsumme ins Verhältnis zum regulatorischen Eigenkapital. Diese Quote ist übergangsweise auf 3 Prozent festgelegt – d.h. es gilt Begrenzung der Bilanzsumme auf das 33,3-fache des gesamten Kernkapitals. Die ursprünglichen Pläne sahen vor, dass die Banken künftig nur das 25-fache ihres Eigenkapitals an Krediten vergeben dürfen. Auf Druck der deutschen Vertreter im regelsetzenden Baseler Ausschuss wurde diese Grenze noch abgeschwächt (vgl. RMRG vom 12.11.2010). Auch ist die Größe bislang nur als Informationsgröße in Basel III verankert, d.h. dass die Banken die Quote ab 2015 lediglich im Rahmen der Offenlegung nach Säule 3 von Basel III mitteilen müssen. Verbindlich werden soll die Verschuldungsgrenze erst ab 2018.

Haldane und Madouros haben auch die „Leverage Ratio“ auf ihre Untersuchung von Großbanken angewandt. Im Vergleich zur Kernkapitalquote konnte hier jedoch ein statistisch signifikanter Zusammenhang ausgemacht werden. Bei den in der Krise gescheiterten Instituten „war diese Quote im Schnitt um 1,2 Prozentpunkte niedriger als bei denjenigen, die die Krise überstanden“, notiert die „NZZ“ in ihrem Beitrag zum Papier der BoE-Experten. Hätten jedoch alle untersuchten Großbanken vor einer Schieflage bewahrt werden sollen, hätte die Verschuldungsgrenze über 7 Prozent liegen müssen.

Mit Blick auf ein neues Eigenkapitalregelwerk für Banken (Stichwort Basel IV) schlagen die Autoren der Bank of England daher eine streng formulierte Verschuldungsgrenze vor. Statt auf eine schwierige Messung der Risikoqualität zu setzen, müsse künftig ein verbindliches Maß für die Quantität der Risiken implementiert werden. Dieser Ansatz müsse mit zusätzlichen Kapitalauflagen für systemrelevante Finanzinstitute kombiniert werden. Zudem müsse es die Möglichkeit geben, dass Einlagengeschäft der Banken vom risikoreichen Eigenhandel abzutrennen. Dabei werden auch direkte Eingriffe in die Geschäftsstruktur einer Bank vorgeschlagen. Fazit der beiden Autoren: Eine künftige Bankenregulierung muss auf Simplizität setzen, nicht auf Komplexität. Damit kann das Papier der Bank of England als radikale Abkehr von den Ansätzen von Basel II und Basel III verstanden werden (Quellen: BoE, Neue Zürcher Zeitung, The Financial).

Das Papier von Haldane und Madouros kann unter folgenden Link eingesehen werden: http://www.bankofengland.co.uk/publications/Documents/speeches/2012/speech596.pdf

 


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2 Kommentare
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  1. [...] RMRG: Blaupause für Basel IV setzt auf strikte Verschuldungsgrenze für Banken [...]

  2. [...] Der Widerstand in den USA gegen die Implementierung der Basel III-Eigenkapitalregeln wächst. Aktuell hat ein führender Kopf des US-Einlagensicherungsfonds FDIC scharfe Kritik an den Regularien geäußert. Im Rahmen des American Banker Regulatory Symposiums hat sich der FDIC-Direktor und ehemalige Chef der US-Notenbank Fed in Kansas City, Thomas Hoenig, für ein komplettes Umdenken bei der Gestaltung der Eigenkapital- und Liquiditätsregeln für Banken ausgesprochen. „Meiner Ansicht nach sollte der Baseler Ausschuss die Einführung der Regeln verschieben und die damit gewonnene Zeit nutzen, sein Vorhaben zu überdenken. Die USA sollten Basel III nicht implementieren und den Baseler Ansatz für die Kapitalvorgaben auch zurückweisen, um wieder zu den Ursprüngen des Regelwerks gehen zu können“, erklärte Hoenig. Der dritte Eigenkapitalakkord sei viel zu komplex, um neuerliche Krisen verhindern zu können. „Wenn man Basel III 400 neue Regeln oder 400 neue Gleichungen hinzufügt, bietet man zugleich wieder 400 Optionen, das Regelwerk zu umzugehen.“ Damit vertritt Hoenig eine ähnliche Position wie Andrew Haldane, der für Finanzstabilität verantwortliche Exekutivdirektor bei der Bank of England, der jüngst in einer Studie für einen simpleren Ansatz bei der Bankenregulierung plädiert hatte (vgl. RMRG vom 3.9.). [...]