G20-Gipfel berät über neue Finanzmarktregulierung – „Herkulesaufgabe mit Konfliktpotenzial”

1. April 2009 | Von | Kategorie: Top News

papers4Die auf dem heute beginnenden G20-Gipfel in London anvisierte Neuregulierung des Finanzsystems ist Gegenstand einer breiten Presseberichterstattung.
So sieht die Frankfurter Rundschau darin eine „Herkulesaufgabe“ und zitiert mehrere Top-Ökonomen mit ihren Forderungen an die Gipfel-Teilnehmer. Insbesondere die Eigenkapitalregeln für Banken müssten auf den Prüfstand: „Sie fördern ein prozyklisches Verhalten, indem sie im Boom zu hohen Risiken ermuntern und in Krisen das Geschäft abwürgen. Zudem erfassen sie nur die Gefahrenherde einzelner Häuser, nicht aber die Ansteckungsgefahr für das ganze System.“ Experten rufen hier nach einer antizyklischen, die systemischen Zusammenhänge berücksichtigenden Regulierung. Nach der Systematik des „dynamic provisioning“ sollen Banken in ökonomisch guten Zeiten, Eigenkapitalpuffer für schlechte Phasen aufbauen.

Für die Süddeutsche Zeitung ist es derzeit noch völlig offen, wie viel Eigenkapital die Banken künftig generell in ihren Bilanzen vorhalten sollen. „Die nach langen Verhandlungen erreichten Basel II-Vorgaben gelten inzwischen als zu gering“, konstatiert das Blatt. Ökonomen und Politiker würden aktuell diskutieren, ob systemrelevante Banken in Zukunft mehr Eigenkapital vorhalten sollen und ob es für Kapitalmarkt-Geschäfte generell stärkere Kapitalzwänge geben soll.

Der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank und EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny äußert sich im Interview mit der „Kleinen Zeitung“ zu den Chancen der G 20-Staaten, neue Regeln für krisenfestere Finanzmärkte zu schaffen. Seiner Ansicht nach hat sich auch in den USA und Großbritannien die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine weitgehende Deregulierung letztlich die Funktionsfähigkeit der Märkte gefährdet. Das größte Konfliktpotenzial für den Gipfel sieht Nowotny beim Thema internationale Finanzmarktregeln: „Ich glaube bei den bilanziellen Bewertungsregeln der International Financial Reporting Standards IFRS und von jenen für Basel II, welche Unterlegungspflichten tatsächlich nötig sind. Das sind die Differenzen noch ziemlich groß.“

Auch die heutige Börsen-Zeitung widmet sich den internationalen Bestrebungen um eine Neugestaltung der Eigenkapitalregeln. Unter dem zusammenfassenden Titel „Banken müssen mit höheren Eigenkapitalanforderungen rechnen“ beschreibt das Blatt die derzeit diskutierten Problemfelder – so z.B. Prozyklik, Handelsbuchrisiken und Leverage Ratio. Insbesondere diese feste Verschuldungsgrenze sei derzeit heftig umstritten. Am Montag hatte der Vorsitzende des Baseler Ausschuss, Nout Wellink, dieses Aufsichtsinstrument als praktikabel und notwendig bezeichnet, da man so künftig exzessive Risiken eindämmen könne. Auch der Risikovorstand der Deutschen Bank, Hugo Bänziger, hält eine Leverage Ratio für sinnvoll. „In Island waren die Banken, gemessen am Bruttoinlandsprodukt des Landes, deutlich zu groß“, so seine Begründung mit einem aktuellen Beispiel.

Die BaFin und die Bundesbank würden die zusätzliche Messgröße jedoch eher kritisch sehen, berichtet die Börsen-Zeitung weiter. Auch Gerhard Hofmann, Vorstandsmitglied des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), hatte diese Quote als ungeeignet bezeichnet. „Eine Leverage Ratio gibt es in den USA schon viele Jahre“, betonte er im Gespräch mit der Börsen-Zeitung. Man komme nicht an der Realität vorbei, dass eine Leverage Ratio keinen erkennbaren Beitrag zur Prävention von Finanzkrisen oder deren Milderung liefere. „Gleiche Kapitalanforderungen an Banken zu stellen, die einem völlig unterschiedlichen Risiko aus ihren Geschäften ausgesetzt sind, ist wenig überzeugend und lädt zur Kapitalarbitrage ein“, merkte Hofmann an.

 


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Ein Kommentar
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  1. [...] Verschiedene hochrangige Vertreter des Finanzplatzes Deutschland kritisieren schon seit längerem das Instrument einer Leverage Ratio, das vom Baseler Ausschuss als Ergänzung zu den bestehenden Eigenkapitalregeln in Erwägung gezogen wird. So lehnten Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann (vgl. RMRG vom 24.6.) und Gerhard Hofmann, Vorstandsmitglied des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), einen solchen Schritt kategorisch ab. Auch Hofmann wies in diesem Kontext auf die Gefahren einer festen Verschuldungsgrenze hin: „Gleiche Kapitalanforderungen an Banken zu stellen, die einem völlig unterschiedlichen Risiko aus ihren Geschäften ausgesetzt sind, ist wenig überzeugend und lädt zur Kapitalarbitrage ein.” (vgl. RMRG vom 1.4.) [...]