Forderung nach Basel II-Aussetzung / Top-Ökonomen halten Adressierung der Prozyklik für nicht ausreichend

7. April 2009 | Von | Kategorie: Top News

frIm Interview mit der Frankfurter Rundschau äußert sich Prof. Martin Hellwig, Leiter des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, skeptisch zur Wirksamkeit der Beschlüsse des Londoner Finanzgipfels zur Neuregulierung der Finanzmärkte.
„Ich befürchte, dass man den unmittelbar anstehenden Problemen des Finanzsystems in der Krise zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat“, so seine Aussage. Um schnelle Abhilfe zu schaffen, sollten daher „gewisse Regeln der Bankenregulierung“, die krisenverstärkend, sofort ausgesetzt werden. Hellwig konkretisiert: „Das betrifft nicht nur die Bewertungsregeln für marktgängige Papiere, bei denen es teilweise keine Märkte mehr gibt, sondern auch den Umgang mit Unternehmenskrediten im Rahmen von Basel II.“

Die Frankfurter Rundschau hakt an diesem Punkt nach und befragt Hellwig nach seiner Begründung für diese Forderung. Der Volkswirtschaftler antwortet: „Weil die Regeln prozyklisch wirken, [...] statt zu mildern. Denken sie an die Kreditrisiken nach Basel II. Das wird das Thema der Jahres 2009. Denn die Konjunktur ist ja erst im vierten Quartal 2008 eingebrochen. Und seither geht das heftig weiter. Man kann davon ausgehen, dass dieser Einbruch die Kreditqualität der Unternehmen verschlechtert, weil einige nicht mehr genug einnehmen, um ihre Kredite zu bedienen. Nach Basel II müssen die Banken die Bewertung dieser Kredite in den Bilanzen und die Bonitätseinschätzungen ihrer Kreditkunden unmittelbar anpassen.“

Hellwig zeichnet im FR-Interview das Szenario weiter: „Danach werden sie entweder zusätzliches Eigenkapital aufnehmen oder weiter Vermögenswerte abstoßen müssen. Im Extremfall geht das bis zur Kündigung ausstehender Kredite, was wiederum die Firmen in arge Not bringt. Die Wirkungen dieses Systems sind katastrophal.“ Abschließend fragt das Blatt nach den Hintergründen der systemischen Bedrohung von Basel II. Aufgrund des aktuellen Missverhältnisses der Relationen zwischen Eigenkapital und Bankbilanz hätten die Banken nur zwei Möglichkeiten – Entweder die schwierige Suche nach Eigenkapital am Markt oder ein Schrumpfen der Bilanz. „Und wenn mehrere Banken wie jetzt gleichzeitig zum Verkauf von Papieren gezwungen sind, dann lässt das die Preise weiter in den Keller gehen: Das erzwingt dann weitere Anpassung in den Bilanzen aller Banken. Eine solche Spirale kann beliebig weit nach unten gehen, bis alle Banken pleite sind – oder der Steuerzahler eingreift“, so das Fazit von Hellwig.

Derweil halten Roman Frydman, Professor für Ökonomie an der New York University, und Michael D. Goldberg, Professor für Ökonomie an der University of New Hampshire, die auf dem Londoner G20-Gipfel beschlossene Bekämpfung der prozyklischen Wirkung der Eigenkapitalregeln für Banken als alleinige Maßnahme nicht für ausreichend. In einem Gastbeitrag für die „South China Morning Post“ weisen die Autoren darauf hin, das die Portfolios der Banken gerade Risiken aus „low-swing“-Fluktuationen an den Asset Märkten ausgesetzt seien. Daher sei nicht nur eine stärkere antizyklische Komponente in Basel II von Nöten, sondern auch eine Flexibilisierung der Regularien, so dass eine inverse Variierung des Eigenkapitals gegenüber diesen Fluktuationen ermöglicht wird. In diesem Zusammenhang weisen Frydman und Goldberg auf ihr System der Imperfect Knowledge Economics (IKE) hin, dass die Verbindung von Finanzmarktrisiken und so genannten „asset price swings“ auf Basis neuer Variablen darzustellen versucht.

 


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  1. [...] eine antizyklische Ausgestaltung der Eigenkapitalregeln als nicht ausreichend bezeichnet (vgl. RMRG-Bericht vom 7.4.). Vor weiteren unerwünschten Auswirkungen der geplanten Vorschriften warnt auch Bill Wellbelove [...]