Risikomanagement der Banken muss historische Komponente stärker einbeziehen

23. April 2009 | Von | Kategorie: Top News

papers1Die Finanzmarkt-Experten James Montier und Albert Edwards kritisieren die Risikomodelle der Banken vor dem Hintergrund der Finanzkrise mit scharfen Worten.
Im Interview mit der Schweizer Wirtschaftszeitung „Finanz und Wirtschaft“ bezeichnet das international anerkannte Strategen-Team der Société Générale die bankinternen Modelle als „Pseudowissenschaft“. „Die Vorstellung, dass wir Risiken wirklich quantifizieren können, ist absurd. Es wurden völlig abgehobene Modelle kreiert, und weil kaum jemand sie versteht, stellt sie auch niemand mehr in Frage. Wir wurden von der dunklen Seite der Mathematik verführt. Die Finanzmarkttheorie basiert auf der Standardabweichung, aber haben Sie schon einmal jemanden getroffen, der sich in einer Hausse um die Standardabweichung kümmert?“, führt Montier aus. Diese Grundlage biete eine „sehr schlechte Definition von Risiko“. Montier weiter: „Der sogenannte Value at Risk, das ist doch ein Witz. Kein Wunder, haben diese Modelle versagt!“

Auch der Deutschland-Chef von PriceWaterhouseCoopers, Hans Wagener, hatte jüngst in einem Interview mit der Tageszeitung “Die Welt” (vgl. RMRG vom 7.4.) die “Value at Risk”-Systematik einer kritischen Analyse unterzogen. “Viele Banker haben geglaubt: Wenn der Value at Risk gleich null ist, habe ich auch kein Risiko. Dabei sind die Berechnungsmodelle, die dahinterstecken, so komplex, dass sie nur noch die Entwickler und ein paar Nobelpreisträger verstehen. Und im entscheidenden Moment haben sich die Modelle als realitätsfern erwiesen”, betonte Wagener.

Gefragt nach Regulierungsalternativen, betont Montier im Interview mit “Finanz und Wirtschaft”: „Risikomodelle gehören in den Müll. Finanzmarkttheoretiker sollten besser Wirtschaftsgeschichte studieren und Ereignisse der Vergangenheit in ihre Betrachtungen einbeziehen.“ Man dürfe beispielsweise nicht nur die Volatilitäten der letzten zwölf Monate in ein Modell eingespeisen, denn das führe zu einer verzerrten Wahrnehmung. „Die letzten hundert Jahre müssten berücksichtigt werden.“ Auch Basel II verleite Finanzinstitute zu prozyklischem Risikomanagement. „Das ist, wie wenn Banken an sonnigen Tagen Regenschirme verteilen und sie einziehen, sobald ein Gewitter aufzieht. Es sollte doch umgekehrt laufen“, betont Montier. PwC-Deutschland-Chef Wagener hatte vorgeschlagen, dass sich Vorstand und Aufsichtsrat einer Bank intensiver mit den langfristigen Risiken auseinandersetzen sollten und diese nicht nur berechnen lassen dürften.

Die Implementierung antizyklischer Elemente in den Eigenkapital- und Bilanzierungsregeln ist mittlerweile ein Schwerpunkt der internationalen Bemühungen um eine Neuregulierung des Finanzsektors. So hatte das Financial Stability Forum (FSF) Anfang April eine ausführliche Analyse der prozyklischen Tendenzen veröffentlicht und mögliche Gegenmaßnahmen auf Regulierungsebene und bankinterner Ebene formuliert.

Die Vorschläge des FSF sind unter folgendem Link einsehbar (pdf-Dokument): http://www.fsforum.org/publications/r_0904a.pdf

 


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