Warnung vor Pauschalkritik an „Value-at-Risk“ / Neue Ansätze im Fokus

26. Mai 2009 | Von | Kategorie: Riskmanagement

var„Die Quantifizierung von Anlagerisiken gehört zu den elementaren Herausforderungen im Asset Management. Ziel ist es, die abstrakten Risiken mit konkreten Werten und Kennzahlen zu belegen, um sie so für den Portfoliomanager handhabbar zu machen“, erklärt Alexander Schindler, Vorstandsmitglied von Union Investment, in einem Gastbeitrag für die Börsen-Zeitung.
Die hierbei angewandten finanzmathematischen Verfahren und Modelle – insbesondere die Kennziffer „Value-at-Risk“ (VaR) – stünden jedoch seit geraumer Zeit in der Kritik. Hier werde die Frage gestellt, ob die gängigen Risikomodelle in ausreichendem Maße in der Lage sind, die Komplexität an den Finanzmärkten zu erfassen, und ob es ihnen gelingt, zeitnah auf Extremereignisse zu reagieren. Der Autor warnt in dem Zusammenhang vor überzogener Pauschalkritik und verweist darauf, dass erste Ansätze in der Wissenschaft zeigen würden, dass schon kleine Schritte zu wirksamen Verbesserungen führen können.

„Denn trotz aller Unzulänglichkeiten, und auch darüber sind sich die meisten Risikomanager und Wissenschaftler einig, stellt das Modell in einem ersten Schritt grundsätzlich ein nützliches Hilfsmittel dar“, verteidigt Schindler das VaR-Prinzip. Union Investment hat in diesem Kontext eine wissenschaftliche Untersuchung zur Weiterentwicklung des VaR angestoßen. Beauftragt wurde dabei Prof. Henner Schierenbeck von der Universität Basel (http://www.wwz.unibas.ch/abteilungen/home/abteilung/bama/), der in seinen Analysen herausgearbeitet hatte, als Alternative zum VaR-Standardmodell eine Dynamisierung der Standardabweichung durch eine stärkere Gewichtung näher in der Vergangenheit liegender Abweichungen der Renditen vom Erwartungswert zu untersuchen. „Dabei wurde deutlich, dass die dynamisierte Standardabweichung grundsätzlich eine bessere Risikoschätzung bei unterschiedlichen Konfidenzniveaus ermöglicht“, berichtet Union Investment-Vorstandsmitglied Schindler.

Weiter heißt es: “Obwohl also eine erste Modifikation bei der Ermittlung der Standardabweichung bereits Fortschritte in Bezug auf eine möglichst zeitnahe Abbildung von Volatilitätsveränderungen bewirken konnte, bleibt der Rückgriff auf Vergangenheitsdaten ein Manko des VaR-Modells.” Um diese Problemlage zu adressieren, prüfte Schierenbeck die Ableitung der Standardabweichung unter Berücksichtigung der impliziten Volatilität von Optionsbewertungen gemäß Black-Scholes. Auch hier habe es positive Erkenntnisse gegeben: “Die Risikoquantifizierung auf Basis der impliziten Volatilität wies erkennbar weniger Überschreitungen auf als die historische Simulation.” Jedoch konnten dabei so genannte Extremrisiken noch nicht optimal abgebildet werden – daher habe man hier auf die Extremwerttheorie zurückgregriffen. “Grundannahme der Extremwerttheorie ist, dass bei Kenntnis der Randverteilung die Analyse über die Datenbasis hinaus erweitert werden kann, um so Extremereignisse zu betrachten”, erklärt Schindler. Schierenbecks Untersuchung komme zu dem Ergebnis, dass sich durch diesen Ansatz tatsächlich gute Möglichkeiten zur Verknüpfung von Risikohöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit eröffnen.

“Mit Ausnahme der Messung von Liquiditätsrisiken konnte die Untersuchung von Professor Schierenbeck insgesamt verschiedene Optionen zur Verbesserung insbesondere des VaR-Modells aufzeigen. Die Weiterentwicklung von Risikomodellen kann also tatsächlich zu einer Optimierung der Risikomessung und somit zu einer effizienteren Ausnutzung der Risikobudgets bei den Investoren führen”, so das abschließende Fazit des Union Investment-Vorstands.

Auch die Finanzexperten Josep J. Masdemont und Luis Ortiz-Gracia von der spanischen Universitat Politècnica de Catalunya setzen auf die Weiterentwicklung der VaR-Kennziffer. In einer aktuellen Modell-Studie entwerfen die Autoren eine neue Methodologie zur Berechnung des VaR für Ausfälle in Kreditportfolios auf Basis der Funktion so genannter “Haar Wavelets”. Als einfachste Klasse von Wavelets können Haarfunktionen innerhalb einer modernen mathematischen Theorie betrachtet werden, die in den letzten Jahren sehr viel Interesse in Statistik, Approximationstheorie und Signalverarbeitung gefunden hat. Mit Hilfe dieses Ansatzes lasse sich der VaR schnell und akkurat berechnen – insbesondere bei kleinen oder konzentrierten Kreditportfolios, erklären Masdemont und Ortiz-Gracia einleitend.

Die vollständige Modell-Studie können sie unter folgendem Link einsehen: http://arxiv.org/PS_cache/arxiv/pdf/0904/0904.4620v1.pdf

 


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2 Kommentare
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  1. [...] zeigen würden, dass schon kleine Schritte zu wirksamen Verbesserungen führen können (vgl. RMRG vom 26.5.). Tags: Alexander Schindler, Basel II, Hans Geiger, Kreditrisiko, Risikomanagement, Union [...]

  2. [...] Untersuchungen Schierenbecks in Zusammenarbeit mit Union Investment berichtet (vgl. RMRG vom 26.5.). Tags: Fair Value, Henner Schierenbeck, IFRS, Liquiditätsrisiko, Risikomanagement, Union [...]